Schüler besuchen "Mutter Courage"

Theaterbesuch_Mutter Courage_02
02.10.2013 - Christian Kusche

Schüler besuchen "Mutter Courage"

Theaterbesuch_Mutter Courage_02

N-Effekt statt V-Effekt: Klassen 7a und 7b besuchen „Mutter Courage“

Mittwoch, 02.10.2013, 7:50 Uhr: Kleine, noch halb geschlossene Katzenaugen blicken mich an. Nach knapp sieben Stunden Schlaf ist die 7a noch etwas ausgelaugt vom gestrigen Ausgang. Es wurde nicht gefeiert, nein, es stand am Vorabend ein dreieinhalbstündiger Theatermarathon des Brechtstücks „Mutter Courage und ihre Kinder“ im Bregenzer Landestheater an. Die Schüler haben die Schlacht wacker überstanden, die Nachbesprechung ergibt folgendes Resümee:

Die Inszenierung erweist sich als äußerst gelungen, insofern, als dass die Figur der Mutter Courage absolut überzeugt: als Mutter, als geschäftstüchtige Frau und als Sängerin steht sie ihren Mann und lässt sich vom Krieg, der im Übrigen ohne Kontext bleibt, dennoch nicht beirren. Soll aber nicht heißen, dass sie nicht trotzdem um ihre Kinder trauert. Bisweilen zeigt sich die „Hyäne des Schlachtfeldes“ sagenhaft witzig, ironisch und gar spritzig und verleiht dem Stück somit den notwendigen PEP. Applaus, Applaus! Die Kinder liebende und altruistische stumme Kattrin, sie muss gänzlich ohne das Medium Sprache auskommen, liefert detto eine Glanzleistung hinsichtlich ihres Ausdrucks, ihrer Mimik und Gestik ab. Die Enttäuschung über ihre Verstümmelung und das zu kurze Friedensintermezzo kauft die Menge ihr sprichwörtlich ab, bravo! Ebenfalls glamourös und im Sinne Brechts ist die -Brechtfans bekannte- Musik, welcher unter die Haut geht und das Geschehen in den Songs kommentiert („Und was noch nicht gestorben ist, das macht sich auf die Socken nun!“). Das Bühnenbild wandelt sich gekonnt, der teilbare „Planwagen“ spielt alle Stücke. Das war’s auch schon.

Ob die Tatsache des mit Kopfhörern bewaffneten und String tragenden -im Übrigen homosexuell anmutenden- Feldpredigers (gesamthaft tolle Leistung), des „Sixpack-Pfeifen-Pieters“, des entblößten Schweizerkas sowie der Topless-Yvette im Sinne Brechts ist, sei mal dahingestellt. Auch die Besetzung des Eilif ist nicht ganz geglückt, zu flach ist dazu die Darbietung. Offenbar meinen die Verantwortlichen, dass nackte Haut heute noch provoziert und sich als V-Effekt verkaufen lässt. Hier hätte ich mir mehr Kreativität erwartet, das Publikum wurde so gut wie gar nicht ins Geschehen integriert, das Ziel des epischen Theaters somit verfehlt.

Fazit: Die in Summe befriedigende Inszenierung, welcher auch jeglicher Aktualitätsbezug fehlt (also genau das, weshalb Brecht das Stück überhaupt verfasst hatte, nämlich als Antikriegsstück), zeigt fabelhafte Ansätze, scheitert jedoch im Detail. Auch fehlt der Mut zur Lücke, selbst dem geübten Theatergänger dehnt sich der zweite Teil nach der Pause wie Kaugummi.

Was eine Aufführung von Mutter Courage hauptsächlich zeigen soll, schrieb Brecht einmal, dass die großen Geschäfte in den Kriegen nicht von den kleinen Leuten gemacht werden. Dass der Krieg, der eine Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln ist, die menschlichen Tugenden tödlich macht, auch für ihre Besitzer. Dass er darum bekämpft werden muss. Brisanter und aktueller denn je angesichts der Syrienkrise handelt es sich um eines der wichtigsten und bekanntesten Werke -verfasst 1939-, die dem Augsburger Bertolt Brecht (die Bayern waren mir immer schon sympathisch) zuzuschreiben sind. Die Geschichte handelt, vereinfacht ausgedrückt, von Anna Fierling, genannt Mutter Courage, die als Marketenderin im Dreißigjährigen Krieg durch die Lande zieht und dabei all ihre Kinder aus Geschäftstüchtigkeit an diesen verliert. Die Schlussworte „Ich muss wieder in den Handel kommen!“, sind an Zynismus nicht zu überbieten, dürfen aber in Zeiten des „Turbo-Kapitalismus“ und der Eurokrise durchaus zu denken geben. Sie merken schon: Literatur ist immer aktualisierbar und von daher ein hohes Kulturgut. Letzterer Bezug fehlt in Bregenz leider gänzlich. What a pity.

Die wahren Helden des Abends bleiben -neben der Figur der Courage- wohl die Zuseher/-innen, die Schüler der Klassen 7a und 7b sowie Bernhard Küng, Andrea Wirthensohn und Robert Senoner. Sie machten sich um 23.10 Uhr nach langem und gerechtfertigtem Schlussapplaus auch auf die Socken.

Robert Senoner

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