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Ein bescheiden gebliebenes Original tritt Ruhestand an – um ein weiteres Jahr verlängert!

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Von der Frühstückssemmel zur Unterhosenpflicht* – 35 Jahre mit der Mehrerau

Als die Redaktion anlässlich Hannes Moschingers Pensionierung auf ihn zuging, um ein Interview für diese Ausgabe vorzubereiten, zeigte sich, was sie eigentlich hätte wissen müssen. Hannes hat oft andere Ansätze, egal worum es geht. Und so einigte man sich gemeinsam darauf, dass wir anstelle eines Interviews einen selbst verfassten Text erhalten würden (mit nur einem Foto ohne Brille). Auch der Untertitel stammt vom Verfasser, der immer wieder wertvolle pädagogische Inputs liefert, sich vehement für die Schüler einsetzt, sich immer bescheiden zeigt, den „Oberstudienrat“ nicht beantragen hat lassen, keine Geschenke zum Abschied will und seinen Geburtstag auch nicht feiert. Gewinnen Sie selbst einen Eindruck unseres „Urgesteins“, indem Sie die folgenden Seiten lesen und dabei gute 35 Jahre Revue passieren lassen.

Der Einstand

Es war an einem Morgen um 7:30 Uhr am Ende des Schuljahres 1979/80. Ich hatte mich zu einem Vorstellungsgespräch beim damaligen Direktor der Schule angemeldet. Von Wien kommend, schnurrte der VW Käfer mit mir durch die Nacht Richtung Bregenz. Pünktlich betrat ich die Mehrerau und wurde gleich in das Speisezimmer der Erzieher verwiesen. Der Direktor und Regens hatte bereits gefrühstückt. „Ach ja, Sie sind der neue Erzieher. Einen Hannes haben wir schon! Du bist der Hans.“ „Jawohl!“, antwortete ich. „Alles Weitere erfährst du von deinen Erzieherkollegen.“ „Kann ich das Probejahr auch beginnen?“, fügte ich hinzu. „Selbstverständlich!“ „Danke.“ „Wir sehen uns im kommenden Schuljahr.“ „Jawohl.“ Ein kleiner Kaffee, ein Stück Brot und um 7:40 Uhr gings wieder nach Wien zurück.

Meine Frau hatte ebenfalls die Zusage für eine Lehrtätigkeit am öffentlichen Gymnasium. Der Umzug in den „Westen“ verlief problemlos. Eine komfortable Wohnung in unmittelbarer Nähe des Sanatoriums machte den Start in einen neuen Lebensabschnitt perfekt.

Ohne große Vorbesprechung wurde mir die Abteilung „Glaspalast“ (heutige Schulbibliothek) als Erzieher zugeteilt. Meine erste erzieherische Handlung war der Versuch, über 70 Schüler zum Abendessen in den Speisesaal zu begleiten. Eine gewisse Automatisation führte dazu, dass alles irgendwie von alleine ablief. Die beiden dritten Klassen und die vierte Klasse hatten bereits eine gewisse Routine und so fand auch der letzte „Zögling“ sein Nachtquartier. Ich schlief kaum, die Schüler auch nicht.

Die ersten Wochen waren auch privat anstrengend. Die Wohnung wurde eingerichtet. Das neue Umfeld war für uns „Zugroasten“ eine Herausforderung. Bei der Vorstellung aller Junglehrer/-innen in Feldkirch blies mir und meiner Frau der alemannische Wind etwas ins Gesicht. … „Und die beiden kommen aus Innerösterreich… Ich hoffe, es sind die Letzten.“ So begrüßte uns der damalige Landesschulinspektor.

Der Alltag: Einsatz rund um die Uhr

Das erste Dienstjahr forderte meine Kondition. War es zum einen die Betreuung der übergroßen Einheit und zum anderen das Praktikum mit partieller Lehrverpflichtung. Der Tag begann pünktlich um 6:00 Uhr. Wecken, Frühstudium, dann die Unterrichtszeit für mich, ein wenig Freizeit gemeinsam mit den Schülern, Hauptstudium, Abendgestaltung, Nachtruhe war um 21:00 Uhr. Samstags- und Sonntagsbetreuung, daneben Unterrichtsvorbereitung. Für private Aktivitäten blieb nur ganz wenig Zeit.

Einige nette Sprüche aus dieser Zeit:
Bitte spielen wir kein Rugby mehr. Alle haben nur „Bläuungen und Verprellungen“.
Das ist mein Ball. Da war ein großes D drauf. Aber das hat sich „weggefußballert“.
Heute muss ich ohne Kopf turnen. Ich habe nämlich eine Beule.
Fremdenverkehr in Vorarlberg: Auch in den Bregenzer Wald kommen viele Terroristen.
Beim Meer unterscheidet man Steppe und Flut.
Ein Vater am Elternsprechtag: Sie haben über meinen Sohn alle Macht.

In den darauf folgenden Jahren wechselte ich in das Halbinternat und betreute neben einer vollen Lehrverpflichtung samt Überstunden eine Unterstufenklasse. Auch meine Frau arbeitete nebenbei als Erzieherin. In dieser Zeit erlebte die Mehrerau stetige Veränderungen. Abteilungen wurden verkleinert, Räumlichkeiten zeitgemäß adaptiert.

Privat und sportlich eröffnete sich für mich und meine Familie ein größerer Freiraum. Tochter Daniela erblickte das Licht der Welt. Der Bekanntenkreis wurde größer und ich entdeckte meine Liebe zum alpinen Tourensport. Leider noch etwas unerfahren und draufgängerisch, führte mich ein Lawinenabgang kurz vor die „Himmelstüre“. Ich hatte Riesenglück. Ein Heeresbergführer, der später dieselbe Route aufstieg, verfolgte den Lawinenabgang und leitete mit meinen Tourenkameraden die Bergung ein.

Einige Wochen später visitierte der Landesschulinspektor die Mehrerau. Sein erster Weg führte zu mir und er empfing mich mit den Worten: „Das machen Sie kein zweites Mal – so unbedacht unter die Lawine – das schadet dem Ansehen der ganzen Kollegenschaft!“ „Jawohl, kein zweites Mal!“, war meine Antwort. Ich wurde relativ rasch pragmatisiert!

Ende der Achtzigerjahre erfolgte der zweite Umzug nach Hard, wo sich die Familie Moschinger „häuslich“ niederließ. Bald darauf erblickte Sohn Matthias das Licht der Welt. Die Schulzeit der Kinder eröffnete einen anderen Blickwinkel im Lehrberuf. Der Rollentausch an Elternsprechtagen war interessant.

Andere Zeiten – Anekdotenreiches

Die Mehrerau hat sich in meiner langen Zeit als Erzieher und Lehrer in vielen Bereichen verändert. War es der Bau der neuen Turnhalle, die Neugestaltung der Außenanlagen, der Umbau beziehungsweise Neubau des Schulgebäudes. All das verlangte von den Erziehern und Lehrern Improvisationstalent und Rücksichtnahme. Während des Turnhallenneubaus diente der Glaspalast als wichtige Sportstätte. Zur Schonung der schönen Glasfenster wurden Softbälle verwendet!

Die Organisation von zahlreichen Wintersport- und Sommersportwochen, Wienwochen und Exkursionen (Paris, London, eine dreiwöchige Reise quer durch Skandinavien etc.) und die Durchführung von Schüleraustauschprogrammen (Berlin, Stettin) brachten Abwechslung in meinen Schulalltag.

Neben zahlreichen lustigen und auch ernsten „Hoppalas“ möchte ich zwei kurz erzählen:

Eine der ersten Schiwochen führte mich samt Begleitung – damals noch mit einer siebten Klasse – nach Lech/Arlberg. Bereits am frühen Abend haben wir einen vollen Rucksack mit Spirituosen abgenommen. Beim nächtlichen Kontrollgang zur Nachtruhe fiel mir ein stark gewölbtes Federbett eines Schülers auf. Nach kurzer Besprechung mit meinem Kollegen wurde die Decke im Schnellverfahren gelüftet. Darunter befand sich eine spärlich bekleidete Dame, angeschmiegt an ihren Liebhaber. Sie hauchte uns folgende Worte entgegen: „San de oba unfreundlich!“

Auf einer der früheren Wienwochen bat mich der Schaffner unseres Zugwaggons kurz nach Innsbruck zu einer Klovisite. Der Anblick der Lokalität verwunderte mich nicht schlecht. Eine Toilette voller Haare! „Schauen Sie sich Ihre Schüler mal näher an!“, sprach der Kontrolleur. Er lächelte und ging wieder seiner Tätigkeit nach. Kappen und Hauben waren zu dieser Zeit in Mode und so fiel meinem Begleiter und mir nichts Besonderes auf. Aber dann: „Hut ab!“, war mein Kommando. Unter schallendem Gelächter aller Mitreisenden saß fast die halbe Klasse mit einer Glatze im Zugabteil. Meine Toleranzschwelle war am Limit. Trotzdem war der Anblick zum gellenden Lachen. Bei Führungen und dem Marsch durch die Stadt erhielten die Glatzköpfe den Auftrag, die Gruppe zusammenzuhalten. Für uns Begleiter bedeutete dies eine gewisse Entlastung. So war am Ende der Wienwoche der „pädagogische Ausgleich“ wieder gegeben.

Die Mehrerau heute

Die Mehrerau stellt sich den Veränderungen unserer Jugend und der gesamten Gesellschaft. Die bis jetzt gesetzten Schritte gehen absolut in die richtige Richtung. Ich war immer ein Verfechter der Koedukation. Vielfältige und abwechslungsreiche Angebote in Schule und Heim wecken das Interesse von Eltern und Schülern an unserer Schule.

Eine gewisse Entschleunigung im Tagesbetrieb steigert das Wohlbefinden aller Beteiligten. „Less is more!“ sollte die Devise sein. Die Zeiten, in denen Eltern mit ihren Kindern am Abend Hausübungen erledigen, sind vorbei. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule und Heim ist sehr wichtig. Der fächerübergreifende Unterricht ebenso. Die Jahresplanung des abgelaufenen Schuljahres zeigt richtungsweisende Strukturelemente im gesamten Betrieb.

Ein Lebensabschnitt ist vorbei. Der nächste steht an. Ich wünsche der Mehrerau alles erdenklich Gute.
Hannes Moschinger

* Die Frühstückssemmel veranlasste die Schüler wieder vermehrt den Frühstückstisch aufzusuchen. In letzter Zeit häuften sich die Beschwerden wegen mangelnder Unterbekleidung.

Lieber Hannes, die Mehrerauer Schulgemeinschaft bedankt sich bei dir mit ganzem Herzen für deine Arbeit, für deinen großen Einsatz, für deine Loyalität dem Haus gegenüber (trotz der Lawinen-Geschichte) und vor allem für deine tollen und neuartigen Ideen (etwa die Projekttage im Dezember 2014), die immer wieder für neue, wichtige Impulse gesorgt haben und nach wie vor sorgen. Wir wünschen dir alles Gute für deinen nächsten Lebensabschnitt und viel Spaß bei deinem neuen Hobby, dem Golfspielen. Danke!

   

Kurzer Steckbrief:

  • aufgewachsen im oberen Traisental – Volksschulzeit
  • Gymnasium und Matura bei den Schulbrüdern in Wien/Strebersdorf
  • Studium in Wien und Salzburg
  • Lehr- und Erziehertätigkeit am
  • PG Bregenz/Mehrerau
  • Ruhestand: doch erst 2016